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Wenn heute jemand versuchen wollte, ein Kulturbild des deutschen
Mittelalters zu entwerfen, aber dabei die Baudenkmäler jener Zeit,
die Kirchen, Rathäuser, Bürgerhäuser, Burgen und Befestigungen,
als minder wichtiges und deshalb entbehrliches Material außer
acht lassen wollte, dann würde man mit Recht darüber den Kopf
schütteln. Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß auf jenem
Forschungsgebiet in dieser Beziehung alles in Ordnung wäre: allein
die Bauten stehen in reicher Fülle und in erreichbarer Nähe vor
unseren Augen; ihre Verwertung ist auch dem Kunsthistoriker ohne
weiteres in dem Grade möglich, wie es ihm seine Vorbildung gestattet.
Das Beispiel soll uns aber in Erinnerung bringen, ein wie großer
Teil der Lebensäußerungen eines Volkes in seinen Bauten zum Ausdruck
kommt: ohne Zweifel in (!) weit größerer, als etwa in der Keramik,
in der Malerei oder in irgend einem anderen Zweige der künstlerischen
Tätigkeit. Die Baukunst ist zu allen Zeiten als mindestens gleichwertiges
Gebiet neben der Malerei und der Plastik anerkannt worden, sie
trägt aber daneben auch alle Züge des Kunstgewerbes, da es sich
bei ihr um Aufgaben handelt, welche praktischen Zwecken dienen
sollen. Mehr noch, diese Aufgaben hängen aufs engste mit dem geistigen,
politischen und wirtschaftlichen Leben des Volkes zusammen und
können bei sachgemäßer Untersuchung der Baureste zum Ausgangspunkt
für die Auffindung wichtiger Tatsachen werden, deren Spuren sonst
untergegangen sind.
Die archäologische Betrachtungsweise berücksichtigt die Bauten,
je nach Spezialität des Forschers, immer nur von einseitigen Gesichtspunkten:
als Träger von figürlichem Schmuck, der das Hauptaugenmerk auf
sich zieht; als Spielplatz für Dramen, dessen Ausgestaltung nicht
dem Gebäude selbst entnommen wird, sondern aus den Texten der
Dramen und der sonstigen Ueberlieferung; als bloße Illustration
zur überlieferten Wohnkultur, da der Forscher selbst meistens
nicht imstande ist, sich eine Vorstellung von einer Wohnung zu
machen, die er beziehen soll, wenn ihm nur der Grundriß vorliegt;
endlich gibt es eine kleine Gruppe von Archäologen, welche für
sich die Autorität der Architekturforschung in Anspruch nehmen,
dabei aber nur künstlerische Motive berücksichtigen, wie die ornamentale
Dekoration oder die Raumgestaltung, losgelöst von aller Erdenschwere.
Außerordentlich selten sind Persönlichkeiten, die bemüht sind,
die Gebäude im ganzen zu verstehen und vorhandene Lücken durch
sachgemäß Ergänzungen zu schließen, nicht bloß in Worten, sondern
sogar auf dem Papier - für eine ernsthafte Bauforschung allerdings
ein selbstverständliches Verfahren. Doch auch diese Ausnahmeerscheinungen
verfügen als Grundlage nur über eine gewissen Anzahl von Beispielen
anderer antiker Bauten, während die Erfahrung nur dann nutzbringend
ist, wenn sie sich auf einer gründlichen Fachausbildung aufbaut.
Diese allein ermöglicht das volle Verständnis der verwandten Vorgänge
im Altertum, sie ist aber weder eine Geheimwissenschaft noch eine
Gemütsangelegenheit, sondern wird heute gerade so, wie im Altertum,
durch Schulung im Baufach erworben.
Die notorische Ratlosigkeit unserer Archäologie gegenüber den
Bauresten hat aber noch andere Ursachen: die Reste selbst sind
in einem Zustande auf uns gekommen, der in der Regel ein unmittelbares
Betrachten gar nicht gestattet. Sie müssen erst sachkundig gedeutet,
aufgenommen und zeichnerisch dargestellt werden - daß dabei auch
unvollständige Fundamente überraschend vollständige Auskünfte
geben können, hat der Verfasser mehr als einmal erfahren -; sie
müssen aber auch schon in diesem Stadium der Bearbeitung zeitlich
richtig eingeordnet werden, nach Anhaltspunkten, die unmittelbar
aus der künstlerischen und technischen Entwicklung des Bauwesens
im Altertum hervorgehen. Während sie sich die "wissenschaftliche"
Verwertung der Baudenkmäler selbst vorbehält, bezeichnet die Archäologie
dies alles als Vorarbeit. Zugleich wird sie als Pflicht des Architekten
erklärt. Wir wollen das gerne gelten lassen, aber mit wesentlichen
Abänderungen: es ist nicht die Aufgabe des Architekten, sondern
des Bauforschers, der eine selbständige wissenschaftliche Disziplin
vertritt, welche nicht erst verwertet werden muß, sondern ebenso
ihrerseits andere Zweige der Forschung als Hilfswissenschaft verwertet,
und ferner sind Pflichten stets mit Rechten verbunden.
Der Architektenberuf erfordert Hochschulbildung; aber er ist
praktischer Art, daher ist die Ausbildung durchaus auf die Bedürfnisse
der Gegenwart eingestellt. Sie soll allseitig sein und umfaßt
folglich auch die Geschichte der Baukunst. Aber auch ein Offizier,
der die Generalstabsakademie besucht, wird dadurch noch lange
nicht zum Kriegshistoriker. Während für ihn die Kriegsereignisse
der letzten Jahrhunderte am wichtigsten sind und die Kriegsgeschichte
des Altertums im wesentlichen nur Bildungswert hat, bedeutet für
den Architekten die Baukunst des Altertums weit mehr, weil sie
bereits diejenigen Formen in Vollendung geschaffen hat, die heute
noch die Grundlage der Architektursprache bilden. Aber das sind
doch nur Kunstformen, die auch dem Archäologen geläufig sein können:
für das Studium der Einzelheiten in ihrer Entwicklung fehlt auch
an den Hochschulen die Zeit, ganz zu schweigen von den Bautypen
in ihrem Verhältnis zur antiken Kultur oder gar von den Problemen,
welche der Erhaltungszustand einzelner Gebäude mit sich bringt
und von den Methoden der Wiederherstellung. Auch ist die Bau-
und Formengeschichte nicht der Zweck des Studiums, denn sie spielt
im Architektenberuf etwa dieselbe Rolle, wie im Leben der gebildeten
Menschen die Weltgeschichte, deren allgemeine Kenntnis ihm die
Schule vermittelt.
Will der Architekt aber Bauforscher werden, so muß er sich Kenntnisse
aneignen, zu denen das wenige Baugeschichtliche, das ihm das Studium
bieten konnte, lediglich den Anfang erleichtert, so daß er seinen
ersten Schritte eine bewußte Richtung zu geben vermag. Ist doch
das Baufach ebensowenig ein gelehrter Beruf, wie das praktische
höhere Lehrfach, obwohl dessen Vertreter an der Universität wissenschaftlich
ausgebildet werden. Trotzdem müssen diejenigen von ihnen, die
wissenschaftlich arbeiten wollen, sich weiter bilden; sie finden
aber auch an der Universität dafür wohl ausgestattete Institute,
die eigens dafür geschaffen sind. Der werdende Bauforscher ist
mangels einer entsprechenden Organisation auf das Selbststudium
angewiesen, sowie auf den Gedankenaustausch mit älteren Fachgenossen:
gewiß nicht die schlechteste Methode, die an die Traditionen der
Vergangenheit erinnert, als die großen Meister sich ihren Nachwuchs
selbst heranzogen. Die Arbeit bringt es mit sich, daß er sich
bei ernsthafter Beschäftigung auch auf den Nachbargebieten Kenntnisse
aneignet, die mindestens dem gleichwertig sind, was ein Archäologe
ohne fachliche Bildung von der Bautechnik wissen kann. - Die wirklichen
Grundlagen, welche ein Architekt zur Forschertätigkeit mit sich
bringt, sind jedoch nicht die spärlichen geschichtlichen Vorstudien,
sondern die Gewöhnung an technische Vorgänge und ihre richtige
Beurteilung, die Vertrautheit mit Material und Konstruktion, das
kontrollierbare Gefühl für statische Verhältnisse und das Verständnis
für handwerkliche Gepflogenheit auch in vergangenen Zeitperioden.
Alles dies bewahrt ihn von den weit verbreiteten laienhaften Vorstellungen,
daß es höchst gleichgültig sei, auf welche geheimnisvolle Weise
die Bauten des Altertums zustande gekommen seien, oder daß dieser
Vorgang mit einem simplen Aufeinanderhäufen von Baumaterial erschöpft
wäre.
Es gibt in Deutschland viele Tausende von Philologen und Archäologen,
von denen weit über hundert an Universitäten, Museen und Instituten
fundierte Stellungen einnehmen, welche ihnen neben den Lehr- und
Verwaltungsaufgaben eine wissenschaftliche Forschertätigkeit zur
Pflicht machen. Es gibt auch mehrere Tausend Architekten, aber
keine dauernde Stellung für einen Bauforscher. Vor dem Kriege
war Deutschland ein blühendes Land, in dem jeder tüchtige Mensch
Aussicht hatte, sein Auskommen zu finden. Daher war es verständlich,
wenn unter den vielen Architekten einige einem ideal gerichteten
Interesse nachgaben und sich die Erforschung der antiken Baudenkmäler
angelegen sein ließen. Sie mußten dabei mancherlei Opfer bringen:
einzelnen gestatteten das ihre Vermögensverhältnisse, andere opferten
bewußt eine Reihe von Jahren, die sie verloren hatten, wenn sie
sich später einer anderen Berufstätigkeit zuwandten, manche aber
blieben hartnäckig bei dem wissenschaftlichen Luxusberuf, in der
Anschauung, daß ihre erfolgreiche Tätigkeit auch ihre Existenz
in irgendeiner Weise sicher stellen würde. In ganz vereinzelten
Fällen kamen sie auch zu Stellungen von dauernder Art, die jedoch
nicht etwas für Bauforscher geschaffen wurden, sondern sonst für
Archäologen bestimmt und nur ausnahmsweise einem Architekten überlassen
waren, was dann auch immer zu mancherlei Unzuträglichkeiten führte.
Die Regel aber war, daß eine wissenschaftliche Unternehmung größeren
Stiles, die einen oder mehrere Architekten nötig hatte, diese
ohne weitere Verbindlichkeit für die Zeit ihrer Mitarbeit entschädigte,
soweit es sich nicht auch hier etwa um eine freiwillige Tätigkeit
handelte. Dabei trat dann oft genug der Fall ein, daß der Bauforscher
mit einer Menge wissenschaftlichen Materials heimkehrte und dieses
dann neben seiner praktischen Berufstätigkeit jahrelang und ohne
Entschädigung aufarbeitete; vieles ist dabei auch für die Wissenschaft
verlorengegangen, wenn die Umstände ihm solch eine Nebenarbeit
nicht gestatteten. Der selbstverständlichen Voraussetzung, daß
eine beanspruchte Einzelleistung zu honorieren ist, wird auf diese
Weise kaum entsprochen und niemand, der geklärte wirtschaftliche
Ansichten hat, wird darin eine besondere Förderung der Forschertätigkeit
erblicken. Es gab kein gesichertes Betätigungsfeld für Bauforscher,
sondern ihre Wirksamkeit beruhte, genau wie in freien Berufen,
lediglich auf privaten Werkverträgen und Aufträgen, auch wenn
es sich um Arbeiten von jahrzehntelanger Dauer handelte: manche
solcher großen Unternehmungen sind infolge des Krieges zusammengebrochen
und ihre Mitarbeiter blieben ihrem Schicksal überlassen.
Wir sehen das merkwürdige Bild, daß ein bedeutendes und nach
seiner Wichtigkeit in erster Reihe stehendes Gebiet der Altertumskunde,
welches nach der immer mehr anwachsenden Zahl der Denkmäler an
Umfang sogar das größte ist, von der Archäologie nur soweit berücksichtigt
wird, als es ihre dafür unzureichende Ausbildung gestattet. Es
gibt allerdings in der Altertumskunde noch mehrere Zweige, die
aus demselben Grunde nicht systematisch bearbeitet werden (Medizin,
Mathematik, Seewesen, Bergbau usw.), aber für die Baukunst hätten
wir genügend Kräfte, welche in freiwilliger Arbeit die Arbeit
in beachtenswertem Grade gefördert haben. Eine Organisation der
Forschung wäre leicht zu schaffen gewesen. Hier stellen sich jedoch
Hindernisse in den Weg, die schlechterdings nicht anders als psychologisch
zu erklären sind, etwa durch das Vorurteil, daß die Universitas
die Gesamtheit dessen vermittelt, was als Wissenschaft zu gelten
hat, so daß die Bauforscher darüber hinaus nur über Kenntnisse
von untergeordneter Art verfügen können, die ihrer Tätigkeit den
Stempel einer vorbereitenden Hilfsarbeit aufdrücken. Es ist eine
gewöhnliche Erscheinung, daß ein Bauforscher, der selbständig
arbeitet und zu allgemeinen Streitfragen Stellung nehmen muß,
von dem einen Teil der Altertumsforscher eine scharfe, ja verletzende
Zurückweisung erfährt, während der andere gern vermeidet, für
ihn einzutreten. - Es ist nicht ganz aufrichtig, wenn man die
unverkennbaren Mängel der Bauforschung nicht auf ihre wahren Ursachen
zurückführt, sondern sie einseitig den Architekten zur Last legt:
man nimmt, ohne die Verhältnisse kennen zu wollen, eine geordnete
Arbeitsteilung an und setzt eine Organisation der Forschung an
den Hochschulen voraus, die jedoch, wie wir sahen, ganz andere
Aufgaben haben. Daran ist nur das eine richtig, daß die bestehenden
Organisationen der Altertumsforschung nicht die Absicht haben,
dies Gebiet anders als bisher zu fördern, nämlich nur durch Sonderaufträge.
Die öffentliche Meinung aber macht keinen Unterschied zwischen
Archäologie und Bauforschung, sie verknüpft mit dem Altertum sogar
in erster Linie die Vorstellung von den Akropolisbauten Athens
oder vom römischen Forum und bezeichnet die Bauforscher kurzerhand
als Archäologen. Darum fließen die öffentlichen und privaten Zuwendungen
lediglich den archäologischen Institutionen zu, denen damit auch
die Bauforschung zu treuen Händen anvertraut ist, aber schwerlich
machen Steuerzahler und Spender sich eine klare Vorstellung davon,
daß gerade dieser Teil stiefmütterlich bedacht wird, während z.
B. der Anteil an Barmitteln, besonders aber an Arbeitskraft von
berufsmäßigen Forschern, der auf die Vasenkunde entfällt, unvergleichlich
höher ist. Natürlich wird auch nur einseitig für den Nachwuchs
von Archäologen durch Stipendien und Stellenbesetzung gesorgt,
die Ergänzung der Bauforscher dagegen dem Zufall überlassen, mit
der Folge, daß die Kräfte systemlos verzettelt werden und die
Aufgaben nicht bewältigt werden können. Das wird so lange bleiben,
als die notwendigen Mittel dafür grundsätzlich vorenthalten werden.
Die Gerechtigkeit erfordert die Feststellung, daß diese Organisationsmängel
nicht allein auf Deutschland beschränkt, sondern international
sind. Aber sie erfordert auch das Eingeständnis, daß auch andere
Länder Archäologen haben, die sich unsern an die Seite stellen
dürfen. Es fehlte ihnen aber an der großen Zahl von Bauforschern,
die aus idealen Beweggründen freiwillig zu entsagungsvoller Arbeit
in die Bresche traten. Dergleichen ist nur aus deutscher Lebensauffassung
zu verstehen und gereicht Deutschland zum Ruhm. Vor allen gehört
Wilh. Dörpfeld, der seit fast fünfzig Jahren an ihrer Spitze steht,
zu jenen großen und seltenen Persönlichkeiten, welche nur einmal
in Jahrhunderten auftreten und eine Epoche begründen. Ihm ist
es zu verdanken, wenn das deutsche Institut in Athen als Mittelpunkt
der Bauforschung eine Sonderstellung einnahm, und wenn die Leiter
fremder Ausgrabungen hier um Rat und Hilfe fragten, in der selbstverständlichen
Annahme, daß hier der gegebene Ort dafür wäre. Wir würden Dörpfelds
Bedeutung nicht gerecht werden, wenn wir ihm allein die Entwicklung
der Bauforschung zuschrieben; die Zeit drängte danach, und das
Ziel wäre in langsamer und mühevoller Arbeit, auch in anderer
Zeitfolge, allmählich erreicht worden, aber es gehört zu den glücklichsten
Ereignissen, daß zur rechten Zeit auch der führende Mann am Platze
war.
Fragen wir uns nun, wie der Krieg und seine Folgen auf diese
Verhältnisse gewirkt haben. Der Architektenstand ist heute ganz
besonders gefährdet; seine Vertreter müssen mit allen Kräften
um ihre Existenz ringen, von Muße und Mitteln für Liebhabereien
ist keine Rede mehr. In Deutschland leben heute kaum zwanzig Bauforscher
aus der Vorkriegszeit, denn nicht jeder Architekt, der einmal
eine Reise zu den Stätten der klassischen Baukunst gemacht und
sich vielleicht auch an einigen Arbeiten beteiligt hat, ist zu
ihnen zu zählen. Von ihnen hat ein Teil sich der Erwerbstätigkeit
zuwenden müssen und bekleidet im vorgerückten Alter recht bescheidene
Posten, und manche sehen als Ertrag eines langen und arbeitsreichen
Lebens nur ein kümmerliches Dasein vor sich. Ein anderer Teil
übt den akademischen Lehrberuf aus und scheidet daher für die
aktive Tätigkeit und Aufrechterhaltung der Tradition aus. Nur
ganz vereinzelte kamen dafür noch in Betracht, unter ihnen Dörpfeld,
der als erster wieder den klassischen Boden betrat und mit jugendlicher
Frische und unermüdlicher Kraft die Arbeit wieder aufgenommen
hat: allein bei seiner überragenden Stellung hat er die Pflicht,
seine Zeit nicht zur Information der Wissenschaft über laufende
Ereignisse zu verschwenden, weil dazu sonst keine Anstrengungen
gemacht werden, sondern zur Erledigung seiner selbstgestellten
Aufgaben, die für Freunde und Gegner gleich wichtig sein wird.
Den anderen fehlt angesichts der Erfahrungen und der Beispiele
der Wagemut, sich einer kaum ungewissen Zukunft anzuvertrauen
und zugleich die letze Gelegenheit zu versäumen, sich eine unabhängige
Existenz zu sichern. Denn noch hat die Stellung der Forschungsinstitute
zu ihnen sich keineswegs geändert, und die Verkürzung der Mittel
vermindert in erster Linie ihre Aussichten. Es heißt z. B., in
Athen sei ein Architekt heute entbehrlich, weil wir dort jetzt
keine größeren Ausgrabungen mehr unternehmen können, und diese
Meinung drückt die herrschende Auffassung unzweideutig aus: nur
für den Hilfsdienst in besonderen Fällen werden sie anerkannt,
nicht aber als Vertreter eines gleichwertigen Forschungsgebiets,
an dem auch ohne Grabung ununterbrochen weitergearbeitet werden
muß. Daß dabei die kleinen, aber ergebnisreichen Unternehmungen
des Instituts in Athen, in Olympia und auf Naxos zum beträchtlichen
Teil ungenützt bleiben, ist selbstverständlich, und das Institut
hat auch bereits seine führende Stellung für die griechische Baukunst
eingebüßt und kampflos den Amerikanern überlassen müssen.
Denn die Tradition ist bereits abgerissen, der Nachwuchs seit
einem Jahrzehnt ausgeblieben, die wenigen vorhandenen Kräfte reichen
kaum aus, um älteres Material aufzuarbeiten. Wer, wie der Verfasser,
schon öfter in die Lage gekommen ist, die Fortführung fremder,
jahrelang liegengebliebener Arbeiten, deren ursprüngliche Mitarbeiter
längst ausgeschieden sind, ablehnen zu müssen, ohne imstande zu
sein, einen Ersatz zu empfehlen, weiß, daß es sich nicht mehr
um einzelne Fälle handelt, sondern um symptomatische Erscheinungen,
welche das Aufhören unserer Bauforschung begleiten. Wir werden
aber auch nicht die Verantwortung übernehmen können, junge Kräfte
zu dieser Arbeit zu ermutigen, da wir ehrlich gestehen müssen,
daß diese Tätigkeit keine Aussicht bietet, zu einer befriedigenden
und geachteten Stellung zu gelangen. Wenn von archäologischer
Seite darauf hingewiesen wird, daß ihnen ja der akademische Lehrberuf
an den Hochschulen offen steht, so werden damit Stellungen angeboten,
auf deren Besetzung man keinen Einfluß hat und über deren Bedürfnisse
man nicht im klaren ist. Diese Lehrstühle sind weder zahlreich,
noch werden sie allein für abgedankte Bauforscher offen gehalten:
sie umfassen immer auch noch andere Zeitperioden, die ebenfalls
Kandidaten stellen, und zu ihnen gesellen sich weitere, die durch
ihre praktische und künstlerische Tätigkeit qualifiziert werden.
Eine langjährige Forschertätigkeit vergrößert allerdings die Eignung
des Bewerbers, ist aber durchaus nicht Vorbedingung. Solange die
einzige Forderung nicht erfüllt ist, daß diese Forschertätigkeit
selbst zum Beruf ausgestaltet wird, ist an eine Gesundung der
Verhältnisse nicht zu denken, ja es ist nicht einmal zu wünschen,
daß die alten Zuständen wiederhergestellt werden, bei denen die
Bauforschung entweder vorübergehenden Dilettanten anvertraut wird,
oder aber ihre ernsthaften Vertreter auf ein totes Gleis führt.
Damit kommt die Bauforschung zum Stillstand; sie wird sich nur
noch auf die Betrachtung des bekannten Materials beschränken müssen.
Wenn über Jahr und Tag wieder Ausgrabungen unternommen werden,
dann wird man tatsächlich auf ungeschulte Kräfte angewiesen sein.
Lauter denn je werden die Klagen über die Unfähigkeit der Architekten
erschallen, aber sie werden ebenso unberechtigt sein, wie zuvor:
fällt es doch keiner archäologischen Behörde ein, die kunstgeschichtliche
Forschung auch Bildhauern, Malern, Goldschmieden und Töpfern anzuvertrauen.
Vielleicht wird die Not eine grundlegende Änderung der Beziehungen
erzwingen, und es wäre kein zu hoher Preis dafür, wenn darüber
einige der laufenden Arbeiten unvollendet blieben: es gehen ja
infolge der Fehler unserer Forschungsweise beständig weit wichtigere
Baudenkmäler zugrunde, ehe sie überhaupt ernsthafte Beachtung
finden. Aber die Hoffnung auf eine rasche und reibungslose Erfüllung
unseres Wunsches ist gering, denn es gilt das größte Hindernis
zu bekämpfen, das allgemeine und durch materielle Interessen verstärkte
Vorurteil einer großen und geschlossenen Organisation, die sich
seit altersher zur Gewohnheit gemacht hat, hier eine willkürliche
Unterscheidung von Schafen und Böcken vorzunehmen.
Nachtrag: Der obige Aufsatz ist seinerzeit aus der Lage der Dinge
entstanden und wurde in Fachkreisen in recht zwiespältiger Weise
aufgenommen. Er hat jedoch seine Wirkung voll erreicht, da die
in ihm ausgeführten Bedenken heute nicht mehr aktuell sind, und
hatte insofern sehr gute Folgen, als die Diskussion darüber zu
der Gründung der Koldewey-Gesellschaft, der Fachvereinigung der
Bauforscher, im Jahre 1926 geführt hat. Es mag noch bemerkt werden,
daß durch ihn der Ausdruck 'Bauforschung' zur Einführung gelangt
ist.
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